Outen oder nicht outen?

Webdesign für Autistische Projekte/ ADHS-Projekte/ ADHD projects

Outen oder nicht outen: Das ist die Frage. Keine Sorge, der Artikel wird kein Shakespeare-Drama werden. Eher könnte man ihn wahrscheinlich mit einem Film von Jean-Luc Godard vergleichen. Es gibt nämlich keine vorformulierte Antwort für ein brennendes Problem: Macht es überhaupt Sinn sich als irgendetwas zu outen?

„Nein, nein, nein“, schieße ich erst mal vorschnell und extrem subjektiv aus der Hüfte. „Nein, nein, nein!, ich kann es nicht mehr hören!“ All diese pseudowichtigen Influencer und klugen Leute, die sich dauernd wichtig machen und outen. Neulich hat sich gerade der deutsche Politiker Kevin Kühnert als schwul geoutet. Interessiert mich das? Eigentlich gar nicht. Könnte ich in Deutschland überhaupt wählen, würde ich seine Partei am Parteiprogramm beurteilen. Oder an ihrer praktischen Arbeit. Aber sicherlich nicht daran, ob sich einzelne Politiker als schwul outen.

Anders ist es vielleicht bei Nils Bollenbach, dem Politiker der deutschen Grünen, der sich als Autist geoutet hat. Während mich nicht interessiert, mit wem Kevin Kühnert unter der Bettdecke steckt, interessiert mich die Form der Informationsbearbeitung bin einem Politikergehirn sehr. Dass ich mehr Autisten in der Politik für eine wesentliche Bereicherung halten würde, habe ich ja bereits erwähnt.

Trotzdem: Für viele Menschen ist es halt leider eine Möglichkeit ein bisschen Medienwirbel abzugreifen, wenn sie sich als irgendwas outen. Unsere Schöne Neue Medienwelt schafft halt immer mehr und immer neue Stars und Sternchen. Influencer erklären uns die Welt: Welches Superfood ist gerade angesagt? Welche Haarfarbe trage ich heute? etc. etc. Wenn sich so ein wichtiger Mensch dann halt auch als irgendwas outet, dann ist das schon ein sehr wesentliches Ereignis. Oder der wichtige Mensch kriegt halt mehr Aufmerksamkeit. Wir sprechen ja heute nicht zufällig von Aufmerksamkeitsökonomie.

Pua! Bei der Recherche zu diesem Artikel mußte ich leider – quasi aus beruflichen Gründen – die Instagram-Seite des Superinfluencers Toni Mahfud besuchen. Herr Mahfud ist nicht nur etrem egozentrisch (eigentlich gibt es auf der Instagram-Seite 99,99% Bildchen von ihm in verschiedenen Posen). Nein. Er erlaubt sich auch tiefgründige Bemerkungen über Diversität und Rassismus zu machen. Da kommen dann so Pattitüden rüber wie z. B. „…As human beings we are all interconnected, and we all play a role in this world. Its everyones responsibility to speak up….We stand for diversity…“ Ich möchte jetzt nichts Böses schreiben, tue es aber trotzdem. 😉 In dieser oberflächlichen Beauty-Welt in der sich so manche Internetsternchen nun mal befinden und in der halt sowas wie Diversität gerade schick ist, kann man sich gerne und problemlos für irgendwas outen. Es wird sicher Aufmerksamkeit bringen. Es fällt außerdem auf, dass sich die mesisten Menschen für etwas outen, das ohnehin bereits mehr oder weniger gesellschaftlich akzeptiert ist. Dass sich jemand als Rassist, pädophil, zoophil oder Katzenesser etc. outet ist mit z. B. noch nicht untergekommen.

Zudem macht es schon einen riesigen Unterschied, ob sich ein Hollywood-Star als Autist oder lesbisch outet oder irgendjemand in einem kleinen Dorf. Am Dorf spürt man das Ergebnis des Outings etwas direkter.

Was mir auch mehr als unangenehm auffällt, das ist, dass sich die Grenzen von Öffentlich und Privat immer mehr verschieben. Die Privatsphäre ist ja ein Errungenschaft unserer Zivilisation, die wir uns mühsam erkämpft haben. Neuerdings wird es aber immer schicker Persönliches öffentlich zu machen. Das hat natürlich auch massiv ökonomische Gründe. Es geht wieder mal um Aufmerksamkeitsökonomie. Privates und Emotionales interessiert die Menschen nun mal. Insoferne ist es natürlich sehr wichtig zu wissen, dass Heidi Klum ihre Brüste Hans und Franz nennt. Oder sind es Fritz und Franz? Oder Hans und Wurst? Laurel und Hardy? Egal. Mich interessiert der private Kram von all diesen halbwichtigen Menschen einfach nicht. Daher halte ich auch die meinsten Outings für sinnlos. Oder anders gefragt: Wozu muss ich eigentlich wissen, dass Kayne West bipolar ist? Entweder mag ich seine Musik oder nicht.

Andererseits muss man sich oft outen. Ich habe viele Kunden mit Behinderungen und die müssen sich z. B. beim ersten Kontakt als blind outen, weil sie z. B. mit Bildern, die ich ihnen eventuell schicke, nichts anfangen können.

Allerdings gibt es auch unsichtbare Behinderungen. ADHS zum Beispiel. Oder jemand ist behindert, kommuniziert aber über Internet, wo es nicht auffällt. Marie Minkov hat in einem Artikel neulich auf diese Thematik hingewiesen. Das ist schon sehr interessant und bringt eine weitere Facette in die ohnehin bereits unübersichtlich große Problematik ein.

Marie Minkow – sie ist ja selbst behindert – erwähnt allerdings auch eine ander, interessante Facette des Outens: Ihre Behinderung könnte ihr auch ökonomische Vorteile verschaffen . Im Artikel „Trauma Sells„, erklärt sie, wie ihr an der Universität beigebracht wurde, ihre Behinderung zu vermarkten.

Apropos ADHS oder Asperger. Sind das jetzt eine Behinderungen oder Gaben? Ich persönlich halte es für Gaben, mit denen man aber umgehen lernen muss. Aber egal. Wie man jetzt auch immer zu ADHS oder Autismus steht: macht das Sinn sich zu outen? Ich weiß es nicht.

Na gut. Wir haben über das Outing von Kevin Kühnert als schwul gesprochen, das mich persönlich gar nicht interessiert. Ich will es einfach nicht wissen, ob Leute, die ich nicht kenne, schwul sind oder lesbisch oder sonstwas. Alerdings würden wir vielleicht noch im 19. Jahrhundert stecken, hätte sich nie irgend jemand geoutet. Das gilt dann auch für Kayne West oder alle anderen, berühmten Menschen, die neurodivers sind. So gesehen, macht es dann doch wieder Sinn, wenn Stars sich outen. 😉

Und zum Abschluss kommen wir dann zu der alles entscheidenden Frage. (Zumindest ist sie für mich entscheidend.) Warum oute ich mich eigentlich als neurodivers und starte diesen Blog hier? Ich habe sehr lange darüber nachgedacht und im wesentlichen sehe ich folgende Gründe, die für diesen Blog sprechen:

  • Ich äußere mich gerne über wichtige Dinge. Und anders als die oben genannten Brüste Fritz und Franz halte ich Neurodiversität für ein Thema über das öffentlich viel zu wenig gesprochen wird. Bzw. falls z. B. über AD(H)S gesprochen wird, wird es demonisiert und man versucht die Betroffenen mit Psychopharmaka in „normale Menschen“ umzuwandeln.
  • Ich versuche auch mehr über Neurodiversität zu lernen und wie kann ich besser lernen, als wenn ich mich mit anderen darüber unterhalte. Wobei mir ein Blog halt mehr Freiheit bietet als ein Forum oder (puah!!!) Facebook, das meine Nutzerdaten verkauft.
  • Und zu guter Letzt habe ich halt auch viele Kunden, die eine Behinderung haben: Blinde, Sehschwache, Bipolare, Spastiker etc. etc. Ich arbeite auch für Organisationen, die Menschen mit Behinderungen vertreten und erstelle Designs oder Webseiten für sie. Also muss ich auch irgendwie über dieses Thema kommunizieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.