Gute Fotografen

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Mark Ríboud hat mir ein Mal gesagt, dass es der größte Fehler vieler Fotografen wäre, bei einer Präsentation zu reden, anstatt die Bilder wirken zu lassen. Da es diesmal Text gibt, darf es im Umkehrschluß also keine Bilder geben. Es geht um Fototheorie.

OK. Fotografen gibt es wie Sand am Meer, von Fotos werden wir täglich überflutet. Um nicht zu sagen zugemüllt. Das ist eine der Kehrseiten der digitalen Revolution. Aber wie viele Fotografen sind gut? Wie viele Fotos sind hochwertig? 10, 20, 100, 1000? Sicher nicht Millionen. Robert Frank zum Beispiel ist hochwertig. Oder Marc Riboud eben.

Mein Problem als neurodiverser Mensch ist es nicht hochwertige Fotos zu machen, sondern gegen die Flut der minderwertigen Fotos zu bestehen. Die Bilderflut löst die mentale Kernschmelze in mir aus. Ich kann sie nicht mehr sehen. Die traurigen Flüchtlinge und die schönen Modells und all dieser optische Müll, den unsere Schöne Neue Welt so mit sich bringt. Ich weiß, dass Flüchtlinge ein schweres Schicksal haben und will diese Tatsache nicht kleinreden. Es wird aber auch nicht besser, wenn mir die schrecklichen Bilder täglich und zu tausenden entgegengeschleudert werden. Niemand weiß mehr, wozu diese gigantische Medienmaschine eigentlich überhaupt läuft. „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ so der Kodak-Werbespruch im 20.Jahrhundert. Inzwischen wissen wir nicht mehr was wir hören, lesen oder sehen. In der Bilderflut geht alles unter.

In seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ hat Neil Postman in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts davor gewarnt, dass die Verschmelzung von Unterhaltung und Information im Privatfernsehen und die Dauerberieselung mit sinnlosen Medienprodukten (Fernsehserien, Shows, Werbung etc.) dazu führen wird, dass unsere Demokratie ausgehöhlt wird. Was hätte Postman wohl zu Facebook und Co. gesagt? Dass Donald Trump die logische Antwort dieser Entwicklung wäre?

Aber es geht mir in diesem Artkel nicht primär um Politik, sondern um Fotografie. Auch wenn es durch Reportagenfotografie und generell die permanente Nutzung von Bildern in der Politik, viele Überschneidungen gibt. Mein Unbehagen an der gesamten Thematik hat in den 90ern begonnen. Bei einer Fotoausstellung mit Sebastião Salgado. Es ging um Brasilien und die Lebensbedingungen der Landlosenbewegung. Sebastião Salgado war mit seinen bekannten Bildern der „Sem Terra“ Bewegung vertreten und ich mit einer Ausstellung über die sozialen Folgen der Eukalyptus-Monokulturen in Brasilien. Das hätte wohl für jeden „normalen“ Jungfotografen eine Eintrittskarte in den Olymp der Fotografie bedeutet. Bei mir hat es eine Krise ausgelöst: Ob denn die Arbeit Salgado überhaupt etwas Wert wäre, und ob man mit Fotografie irgendetwas „ändern“ könnte.

Die Krise hat dazu geführt, dass ich meinen Beruf aufgegeben habe und ich habe ca. 20 Jahre über das Thema nachgedacht. Ja, Autisten sind tiefgründig. Ich weiß 😉 Inzwischen weiß ich, dass es nicht geht. Also mit Fotografie überhaupt irgend etwas zu erreichen, zu ändern oder zu erklären. Da ist höchstens der Wunsch der Vater des Gedankens und im Grunde baut sich um das gesamte Thema ein ziemlich heuchlerisches Biotop an „hauptberuflich Betroffenen“ auf, die allesamt gute Gehälter kassieren und Zeit und Muße haben sich die Schattenseiten dieser Welt in Galerien anzusehen. Sorry.

Das Problem – oder vielmehr das Thema – ist es, dass Fotografie gar nichts kann. Sie ist wahrscheinlich die am häufisten missbrauchte Kunstform, weil in ihrem Namen ohne Ende argumentiert wird. Insofern macht es keinerlei Sinn über Bilder zu reden. Gute Bilder sind Mysterien und natürlich kann man auch Mysterien zu Tode analysieren und zuquatschen. Wer sich politisch betätigen will, der sollte es doch bitte tun. Und nicht in schicken Galerien die Betroffenheit über das Elend der Welt raushängen lassen. Insoferne weigere ich mich dann auch über meine Bilder zu sprechen, was im schlimmsten Fall das Ende der Kategorie „Foto“ hier bedeuten würde. Das ist aber im Grunde auch keine sinnvolle Option. Mal sehen, wie es damit weiter geht.

Links:
Mark Ríboud
Robert Frank
Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode
Sebastião Salgado Ausstellungskritik in der TAZ

Ach ach. Natürlich bin ich – als ADHSler extrem inkonsequent. Es gibt also doch ein Bild. Aber keine Erklärung. Links zu diesem Artikel kommen am Ende, also nach dem Bild.

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