Die neurodiverse Agentur

Die neurodiverse Agentur

So, jetzt ist es also passiert. Die neurodiverse Agentur wir Realität. Mal sehen, auf was wir uns da einlassen. Was bedeutet das konkret, was soll passieren? Also zunächst mal, ändert sich vor allem der Blickwinkel. Während ich (Raphael Bolius) bis jetzt unter dem Label „gruenkraft.design“ ausschließlich Webseiten gemacht habe, wird die Agentur unter „gruenkraft.agency“ auftreten. Neurodiversität (im konkreten Fall vorerst mal ADS) soll von der Bürde zum Asset werden. Kreative Lösungen für Kommunikationsaufgaben im Internet.

Darüber hinaus wird es auch rein formale Änderungen geben (vom Freelancer zur UG) und es wird Angestellte mit Begabungen aus dem neurodiversen Spektrum geben. Aus „ich“ wird also „wir“. Und es werden nur noch ganz tolle Projekte realisiert, bei denen die neurodiversen Mitarbeiteinnen und Mitarbeiter alle ihre Vorteile ausspielen können.

Das alles klang in den Vorbesprechungen mit dem Gründungscoach wunderbar und einfach. Jetzt – wenn es Realität werden soll – ist es plötzlich viel komplizierter. Da prallen irgendwie zwei Welten aufeinander, von denen die eine, die neurotypische, immer die „richtige“ war, an der man sich nun halt mal anpassen musste. Und die andere, die neurodiverse, war eben die „ungeliebte“, die nicht gelebt werden sollte/ durfte. Jetzt soll alles ganz anders werden und die ehemals „ungeliebte Realität“ wird plötzlich der neue Standard? Ob das funktioniert?

Einerseits: Die Filme von Godard versteht ja auch niemand. Andererseits: So eine Agentur ist kein Kino. Da geht es ja um konkrete Projekte.

Der „Mainstream“ oder auch das neurotypische Denken, ist nun mal strukturiert, in gewisser Weise „brav“, man darf es aus dem Blickwinkel des AD(H)Slers vielleicht auch langweilig nennen. Mein ADS-Hirn dagegen neigt dazu, sehr kreative Lösungen raus zu hauen. Gerne auch nach Mitternacht und mit Tippfehlern. Struktur hingegen ist die Stärke anderer Leute. Aber meine Lösungen sind eben kreativ. Sehr kreativ sogar.

Wobei… Hm. Eine schwierige Sache. Das „langweilig-brave“ hat ja auch so seine Vorteile. Termintreue zum Beispiel. Wo kommen wir da hin, wenn wir den ADS-Bock zum Gärtner im Termingarten machen? Ob das funktioniert? Auch wenn Struktur langweilig ist und vorhersehbare Resultate bringt: „Eigentlich“ ist sie schon auch wichtig. Solange ich selbst nur einfacher Dienstleister war, konnte ich mich über die „Strukturversessenheit“ der Normalos wunderbar aufregen. Es war ohnehin egal, weil der neurotypische Mainstream ja den Takt vorgab. Jetzt – mit der neurodivergenten Agentur – könnte ich mir ja die geliebte Strukturlosigkeit erlauben. Wenn die anderen dann nur mitkönnen.

Einerseits: Die Filme von Godard versteht eh niemand. Andererseits: So eine Agentur ist kein Kino. Da geht es ja um konkrete Projekte.

Apropos Projekte: Derzeit hat die neurodiverse Agentur zwei Projekte in Planung. Eines ist der Relaunch des Webauftritts einer Hilfsorganisation für Menschen mit Autismus. Das andere ist die internetbasierte Kommunikation über ein Ökoproblem (Waldrodungen für Staudämme) in Portugal. Beides erweckt nicht so sehr den Eindruck, dass es Aufgaben wären, die die Kasse wirklich zum Klingeln bringen. Aber wenn der Chef ein ADSler ist, kann Engagement schon mal wichtiger sein als Geld. Trotzdem müssen Gehälter gezahlt werden.

Und allzu kreativ soll es übrigens in vielen Fällen auch nicht werden. In so eine Beratungsstelle auch mal so etwas wie „Autism-Pride“ oder „Neurodiversity-Pride“ rein zu bringen ist ein komplexes Thema. Ich will aber weg kommen von diesen traurigen Autismuswebseiten, bei denen nur vermittelt wird, dass Autismus schrecklich sei und man den armen Menschen doch bitte helfen muss. Das ist allerdings schwierig. Wir hatten gerade die letzte Besprechung und wie so oft im Leben, ist die Finanzierung nicht so ganz einfach. Verrückter Weise leben ja Staat, Länder und Gemeinden ganz gut damit, dass sie bestimmte Dinge (wie z. B. Austismus-Hilfen) an freiwillige Helfer outsourcen. Gleichzeitig versuchen die öffentlichen Stellen aber beim dem was sie ja so komfortabelausgelagert haben, zu sparen, wo es nur geht. Ist das jetzt diese gesund, nachvollziehbare und vielgepriesene neurotypische Logik?

Eine gewisse Basis-Tristesse ist bei der Finanzierungssituation also bereits in die Grundstruktur der Autismushilfen eingepflegt, aufgrund der staatlichen Sparpolitik. Ein Projekt zu realisieren, das mal ausserhalb des Üblichen ist, wo man aus dem Vollen schöpfen darf und wirklich kreative Lösungen erarbeitet werden, ohne dass jemand die ganze Zeit auf die Uhr sieht, ist in dem System eigentlich nicht vorgesehen.

Um aber zu den hilfsbedürftigen Autisten zurück zu kommen: Ja klar, gibt es Menschen mit Autismus, die Hilfe benötigen. Und denen soll auch geholfen werden. Bei sehr vielen hochfunktionalen Autisten kann man aber genau so gut von Begabungen sprechen. In traditionellen Kulturen kommen diesen hochfunktionalen Autisten wertvolle Aufgaben zu. Z. B. waren bzw. sind bei polynesischen Seefahrervölkern Autisten für das Steuern der Schiffe zuständig. Sie sind die einzigen, die die Schiffe über die immensen Entfernungen von mehr als 2.500 Kilometern – ohne Karten und nur nach der Stellung der Sterne – navigieren können. In einer digitalisierten Gesellschaft schreiben diese Menschen eben Code. Ich würde beides eher als Begabung sehen und wie immer im Leben hat ein Plus bzw. eine Begabung halt auch manchmal eine Schattenseite mit im Gepäck.

Na gut, nach klassischen Kriterien gerät der Artikel gerät zunehmend aus der Form. Aber das passiert halt, wenn man einen kreativen ADSler schreiben lässt. Wahrscheinlich sollte man Godard auch nicht einen Imagefilm für die Stadtwerke drehen lassen. Oder anders gesagt: Wer Neurodiversität möchte, der muss dann halt auch akzeptieren, dass die Ergebnisse etwas anders aussehen, als gewohnt. Die üblichen Standards sind ja – in der gewissen Langeweile, die sie verströhmen – nicht Gesetz, sondern lediglich gewohnt. Und man darf durchaus auch mal was Neues probieren. Man kann es aber auch politisch definieren: Im Neoliberalismus mit seinem Perfektions- und Selbstoptimierungswahn, hat Neurodiversität natürlich nichts verloren. Aber das ist halt ein anderes Kapitel.

Sonst noch was? Ach ja. Zu viele Noten. Es gibt zu viele Noten

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