Diagnose für neurodiverse Menschen

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Bei allen Formen innerhalb des neurodiversen Spektrums – so die offizielle Meinung – sollte man auf die Dienste von spezialisierten Institutionen oder Ärzten vertrauen. Selbstdiagnose hat einen etwas seltsamen Beigeschmack. In diesem Artikel erkläre ich meinen Standpunkt, der sich doch etwas differenzierter mit dem Thema beschäftigt

Grundsatzlich bin ich der Meinung, dass eine „offizielle“ Diagnose natürlich in vielen Fällen nicht nur sinnvoll ist, sondern sogar notwendig. Ist das Leben stark eingeschränkt, benötigt jemand Hilfen wie zum Beispiel Therapie, Mediaktion, finanzielle Hilfen, etc.ist es natürlich absolut notwendig eine genaue Diagnose zu haben. Es gibt aber auch Fälle in denen das vielleicht nicht notwendig ist. Wenn eben diverse Unterstützungen gar nicht benötigt werden, die Symptome mild sind und das tägliche Leben nicht eingeschränkt ist. Dann kann einem eine Selbstdiagnose auch helfen den roten Faden im Leben zu finden.

Auch bei kleinen Kinden oder Teenagern wird man vielleicht lieber auf ärztliche Hilfe vertrauen. Bei denen ist eine Diagnose auch relativ leicht, je kleiner Kinder sind, desto weniger verstellen sie sich. Eltern oder Erzieher können befragt werden. Je länger Menschen undiagnostiziert sind, desto älter sie werden ohne über ihre Neurodiversität aufgeklört zu werden, desto mehr haben sie Erfahrung im (oberflächlichen) Anpassen an die neurotypische Umgebung. Zudem sind die Eltern eventuell bereits verstorben. Erzieher sind wahrscheinlich nicht mehr kontaktierbar oder auch bereits verstorben. Eine schlechte Basis für eine korrekte Diagnose.

Andererseits fühlen viele Menschen, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmt. Mir ging es jedenfalls so. Ich hatte dann auch alle und zwar wirklich alle Therapien dieser Welt hinter mir um diesen Missstand zu beheben. OK, vielleicht nicht alle. aber doch erstaunlich viele. Psychotherapie (C.G. Jung) Atemtherapie, Feldenkrais/Goralewsky, Familienstellen… Alle diese Therapien waren sehr, sehr interessant und haben mir sicherlich geholfen mein Innenleben zu verstehen. Aber keine hat sich dem Kern meines Problems genähert. Das kam erst, nachdem ich im Internet von Selbsthilfegruppen, Blogs oder Foren über das Thema Neurodiversität erfahren hatte.

Und aufgrund meiner reichhaltigen Erfahrung mit meinem Innenleben, eine Erfahrung, die sich im Laufe meines Lebens eben angesammelt hat, traue ich mir zu, mir selbst eine Neurodiversität zu diagnostizieren. Da kommem mehrere Sachen zusammen, ich vermute ADS, milder Autismus (bekannt als „Asperger“) und ein überhaupt nicht vorhandener Orientierungssinn . Ich habe mich auch schon in einer Dreizimmerwohnung verlaufen. 😉 Auch Hochsensibilität ist ein wichtiges Thema für mich. Allerdings befürchte ich, dass eine ärztliche Disgnose in meinem Fall ziemlich beliebig wäre. Es fehlen in jedem der beschriebenen Punkte wesentliche Elemente, andere sind dafür umso stärker im Vordergrund. Also verzichte ich persönlich lieber auf eine Diagnose, die mir ohnehin nicht viel hilft.

Darüber im Internet zu lesen und zu erfahren, dass viele der Symptome, die mich beschäftigen, bekannt sind, und Namen haben und dass es auch andere Menschen gibt, die sie kennen, das war schon sehr hilfreich. Ach was hilfreich. Das hat Tore der Erkenntnis geöffnet und war ungemein erleichternd. Denn wenn ich bis jetzt über diverse Probleme geklagt habe, wurde mir (je nach persönlichen Vorlieben) Medikation oder Meditation oder besser noch alles beide, vorgeschlagen. Sehr schön, aber trotzdem am Thema vorbei. Lesen war die Rettung. Über Neurodiversität zu lesen.

Allerdings – und das ist jetzt ein Argument gegen die Selbstdiagnose: Es gibt ja auch Menschen, die lieber einen Arzt fragen, und Hilfe bei Dritten suchen. Das ist ja OK. Diese Menschen sind dann aber mit einer offiziellen Diagnose sehr viel besser dran. Trotzdem möchte ich hier eine kurze Übersicht über die Vor- und Nachteile der ärztlichen Diagnose und der Selbstdiagnose schreiben. Alle Argumente beziehen sich allerdings auf Erwachsene die keine oder kaum Hilfe benötigen und ein gewisses Maß an Objektivität und Interesse am Beobachten des eigenen Innerens mitbringen.

Selbstdiagnose

  • Eine potentiell realiv hohe Fehlerquote, weil man als einzelner Laie ja kaum alle unterschiedlichen Formen innerhalb des neurodiversen Spektrums kennen kann. Zudem kann die selbst durchgeführte Diagnose natürlich auch das sein, was man gerne hören möchte.
  • Der Blick von Innen auf sich selbst ist andererseits direkter und der Umweg der Kommunikation entfällt. Denn die Diagnose durch einen Dritten kann nur über Kommunikation erfolgen. Und da ist es dann schwierig zu erklären, warum man dieses oder jenes genau so empfindet, und man dabei ein Bild „spürt“ oder eine Farbe und dann gar nicht die Worte hat um dieses Gefühl auch nur annähernd zu kommunizieren. (Und schon gar nicht in einem künstlichen Seting wie einer Arztpraxis) Und auf der Gegenseite kommt ohnehin immer etwas anderes an, als das was man glaubt zu kommunizieren, und dieses „Falsche“ muss dann auch nochmals interne Filter (Wissen, Vorlieben…) beim Empfänger der Information durchlaufen.

Ärztliche Diagnose:

  • Eine potentiell realiv hohe Fehlerquote, fragt man drei Ärzte, so hat man fünf Meinungen, um es überspitzt zu formulieren. Betroffene berichten von sehr verschiedenen Diagnosen bei den selben Menschen, je nach dem welche Ärzte die Untersuchung gemacht haben.
  • Der Blick von aussen ist natürlich theoretisch objektiver als der von innen. Aber er trifft auf die persönliche Maske, die ein erwachsener Mensch nun mal dem Aussen gegenüber aufhat. Eine Maske zu haben ist ja (nach C.G. Jung´jedenfalls) sehr normal, wenn nicht überlebensnotwendig. Aber die Diagnose kann sie halt erschweren.

Fazit:
Das Thema Diagnose bzw. ärztliche Diagnose vs. Selbstdiagnose ist mehr als komplex und meiner Meinung nach immer individuell. Dass eine ärztliche Diagnose natürlich mehr ansehen hat, ist normal. Aber sicherer als die Selbstdiagnose ist sie eben nur bedingt.

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